Patientin 9

Träume

Wenn Du Deine Träume wahr machen willst, musst Du möglichst schnell aufwachen.
(Pavel Kosorin, *1964, tschechischer Schriftsteller und Aphoristiker)

Schnell ist etwas anderes – aber: Ich bin aufgewacht. Vor mich hin dösend, abgestumpft und zeitweilig wie gelähmt hatte ich im Sumpf der Sucht verbracht.

Wollte lange Zeit nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen und nichts tun. Meine Gedanken kreisten fast nur noch um den Alkohol. Diese Zeit ist hoffentlich für immer vorbei – dank der Fachklinik Gut Zissendorf.

Nach 15 Wochen verlasse ich am Samstag diese schönen, beschützenden, historischen Mauern. „Ein Abschied schmerzt irgendwie immer, auch wenn man sich schon lange darauf freut.“
(Arthur Schnitzler, 1862-1931, österreichischer Arzt und Dramatiker)

Es ist ein Abschied mit Wehmut. Wehmut bezeichnet ein Gefühl von zarter Traurigkeit bei der Erinnerung an etwas Vergangenes.

Als vor einer gefühlten Ewigkeit – damals arbeitete ich bei einer Tageszeitung in Münster – eine hochdotierte Wissenschaftlerin der Westfälischen Wilhelms-Universität verabschiedet wurde, unterlief einem meiner Kollegen bei der Berichterstattung ein kleiner, aber fataler Fehler. Er verwechselte zwei Buchstaben, und am nächsten Morgen stand auf der Westfalenseite in großen Lettern der Titel:
„Abschied mit Wermut“.

Viele amüsierten sich köstlich, wenige ärgerten sich maßlos.

WeRmut statt WeHmut

Dieses Beispiel zeigt in übertragenem Sinne, wie schnell aufgrund von Unachtsamkeit aus Wehmut Wermut werden kann und – schlimmer geht immer – danach vielleicht aus Wermut Schwermut.

Die nächsten Schritte im Zuge des Konsums heißen dann zum Beispiel: Unglück, Absturz, Verzweiflung… Diesen gefährlichen Kreislauf im Umgang mit Suchtmitteln – welcher Art auch immer – muss ich euch, die ihr hier sitzt, nicht erklären.

In Zissendorf habe ich ein gutes Maß an Heilung erfahren. Habe Klarheit gewonnen über vieles, das ich zuvor als verworren, konfus und zum Teil als unlösbar wahrgenommen hatte.

Hier habe ich Achtsamkeit gelernt und das Bei-mir-sein. Ich bin auf einem guten Weg, mich in der Zukunft angemessen abzugrenzen.

Apropos Abgrenzung: Von dem Philosophen Mathematiker Pythagoras von Samos ist folgender Satz überliefert: „Die ältesten und kürzesten Wörter – nämlich ‚ja‘ und ‚nein‘- erfordern das stärkste Nachdenken.“

In Zissendorf habe ich neue Kraft, Energie und Mut zur Veränderung geschöpft. Jetzt möchte ich neue Wege gehen, mich weiterentwickeln. Meine Ziele sind Gelassenheit, innere und äußere Ruhe, Zufriedenheit und Fröhlichkeit.

Für das, was ich hier erreicht habe, danke ich allen, die dazu beigetragen haben: Meiner wunderbaren Bezugstherapeutin, den Therapeutinnen meiner Indikationsgruppen sowie unserer Kunsttherapeutin. Die Inhalte der thematischen Gruppen griffen in vielen Fällen wie ein Zahnrad perfekt ineinander.

Des Weiteren gilt mein Dank allen Mitpatientinnen und insbesondere meiner Gruppe III, die mir von Zeit zu Zeit schonungslos die Meinung gegeigt hat. Ein großes Dankeschön geht auch an die Mitarbeiter der Pflege, der Verwaltung, der Küche und der Raumpflege. Und last but not least an die Leitung und die Ärzte.

Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen.

Euch, liebe Mitpatientinnen, wünsche ich, dass ihr den Weg, den ihr hier in Zissendorf eingeschlagen habt, mutig weitergeht; dass ihr eure Ziele erreicht, ein suchtmittelfreies Leben führt und wieder glücklich werdet.

Bearbeitet eure Themen, damit ihr sie dann abhaken könnt. Denn nur wer loslässt, hat beide Hände frei.

Ich schließe mit der kürzesten Rede Winston Churchills:

„Gib nie, nie, nie auf!“

Jetzt stehe ich hier nach 19 Wochen du kann es kaum glauben, dass die Zeit hier nun endgültig vorbei ist. Ich kam hier an, an meinem Geburtstag, mit meinem kleinen Sonnenschein. Ich hatte wenig Motivation im Gepäck, da ich mir nicht vorstellen konnte, was diesmal anders werden sollte. Auch der Gedanke machte mir Angst, dass ich nach der Therapie ohne Wohnung und alles da stehen würde. Aber ich wurde schnell eines Besseren belehrt, dank der tollen und intensiven Gruppengespräche und meiner Gruppe IV und den hilfreichen Einzelgesprächen mit meiner Therapeutin.

Ich entdeckte neuen Mut und erkannte, dass der Alkohol zwar mein Problem war, aber bei weitem nicht das einzige!!! Wir fingen an, an dem ganzen Paket zu arbeiten.

Neue Kraft wurde getankt und neue Sachen entdeckt, die mir Spaß machten, z.B. Ergotherapie.
Es machte mir Spaß mit anzusehen, wie mein kleiner Sonnenschein von Tag zu Tag glücklicher wurde du anfing richtig aufzublühen, dank der tollen Betreuung im Kindergarten. Was mich dann auch noch mehr bestärkte, dass dieses hier die beste Entscheidung war, die ich in den letzten vier Jahren getroffen habe. Nach zehn Wochen fing es an, dass ich mit dem Gedanken spielte, eine Verlängerung zu beantragen und tat es einfach. Die Gottseidank auch genehmigt wurde. Eigene Fortschritte wurden sichtbar, aber auch Mut hat mir gemacht, die Fortschritte der anderen Patientinnen zu beobachten die genauso hart an sich gearbeitet haben.

Jetzt nach 19 Wochen kann ich sagen: Ich gehe gestärkt und mit neuen Zielen nach Hause, denn ich habe während einer Therapie hier eine neue Wohnung gefunden, in der ich mein Kind uns pudelwohl fühlen werden. Ich glaube nun, dass ich hier an meinem Geburtstag angekommen bin war keine Strafe, sondern der Beginn eines neuen Abschnittes. Wenn ich hier meinen behandelnden Arzt zitieren darf: „An diesem Tag wurde ich das zweite Mal geboren.“

Natürlich auch vielen Dank an alle anderen Ärzte , dem tollen Pflegepersonal, den Therapeuten, dem tollen Kindergarten und natürlich auch der Küche.


Abschied

Als ich vor 15 Wochen nach Gut Zissendorf kam, war es noch kalt und trostlos. Genauso sah es in mir aus. Für mich empfand ich nur Kälte und Leere füllten mich aus. Der einzige Inhalt war meine kleine Tochter. Ich vergaß meinen Mann, meinen Hund, die Welt um mich herum und vor allem Mich!

Hier habe ich mich wieder gefunden und ein Stück weit Frieden schließen können. Das heißt auch, zu mir gut zu sein. Mir was Gutes tun heißt nicht, mich mit Suchtmitteln aller Art grenzenlos abzuschießen, sondern mir bewusst etwas zu gönnen was mir Freude schenkt, Energie gibt und mich meine Gesundheit erhalten lässt – psychisch und physisch –

Dank meiner Therapie hier spüre ich Wärme, den Frühling und so wie nun die Blüten der Bäume sich in der Zeit entwickelten, reifte zeitgleich auch ein Teil in mir.

Dieser Abschied bedeutet mir viel, denn er bedeutet auch einen Abschied meines destruktiven psychischen Parts.

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